Erster Zwischenbericht zum Projekt

Nachdem nun beinahe ein Jahr verstrichen ist, seit wir das Projekt begonnen haben, ist es Zeit für einen kurzen Zwischenbericht.
Tanja Kraler, die bereits im Sommer 2009, damals noch als Mitarbeiterin der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs, mit der Transkription der Briefe aus dem Nachlass von Leo Thun begonnen hat, ist ein gutes Stück vorangekommen. Von den 657 Briefen, die im Nachlass enthalten sind, hat sie bereits 370 transkribiert. Der Nachlass von Leo Thun kam übrigens in der Zwischenkriegszeit in das Österreichische Staatsarchiv und verblieb dort bis in die 1950er Jahre. Aus der Zwischenkriegszeit stammen auch die ersten Transkriptionen der Briefe, die allerdings ziemlich fehlerhaft sind. Vor der Rückgabe des Nachlasses an das Staatsarchiv von Tetschen, wo das Familienarchiv der Böhmischen Linie der Thun-Hohenstein liegt, wurden die Briefe mikroverfilmt. Mit den Kopien dieser Mikrofilme arbeiten wir. Allerdings sind nicht alle der 657 Briefe auf den Filmen vorhanden. Deshalb wird es in einer zweiten Phase des Projekts noch notwendig sein, die nicht kopierten Briefe im Staatsarchiv von Tetschen persönlich einzusehen – das sind etwa 200 Briefe. Tanja rechnet damit, die Erfassung dieser Briefe im Herbst 2011 in Angriff nehmen zu können. Ungefähr 20 Briefe sind in Französisch, Tschechisch, Italienisch oder Englisch abgefasst und warten ebenfalls noch darauf, transkribiert zu werden. Parallel zur Transkription erstellt sie sowohl ein Personenregister der erwähnten Personen, das mittlerweile mehr als 1000 Personen umfasst, als auch Regesten zu jedem einzelnen Brief.

Christof Aichner hat seit September 2010 nach Autographen von Thun aus seiner Ministerzeit gesucht. Ausgehend vom Nachlass Thuns hat er dabei ein Register der Korrespondenzpartner Thuns eerstellt und daran anschließend systematisch nach den Nachlässen dieser Personen gesucht. In manchen Fällen war dies ziemlich einfach, in den meisten Fällen gestaltete sich die Suche jedoch als recht schwierig. Vor allem bei Schreibern aus dem Osten des Reiches und bei Schreibern von niederem sozialen Stand fehlen oft die Nachlässe. Einfacher war es hingegen bei vielen Professoren oder Politikern, die an Thun geschrieben haben. Von einigen ‚wichtigen’ Briefpartnern Thuns fehlen jedoch weiterhin Hinweise auf deren Nachlässe. An erster Stelle zu nennen sind hier wohl der Jurist Karl Ernst Jarcke und der Kirchenrechtler George Phillips. Von den ca. 200 Personen, von denen Privatbriefe im Nachlass von Thun vorhanden sind, konnten derzeit ca. 60 Nachlässe bzw. Hinweise auf Nachlässe ausfindig gemacht werden. Allerdings haben sich nicht in allen auch Briefe von Thun erhalten. Darüber hinaus konnten über Portale wie den ÖVK-NAH oder Kalliope auch Autographen von Thun gefunden werden, deren entsprechende Antworten wiederum im Nachlass von Thun fehlen. Zudem stellt sich bei einigen Briefen auch die Frage, ob sie als Privatbriefe anzusehen sind oder doch als Briefe von ‚Amtswegen’. Alles in allem hat Christof bis heute 81 Autographen von Thun bearbeitet und transkribiert, darunter Briefe an den Historiker Julius Ficker, die Kardinäle Joseph Rauscher und Antonio de Luca, den Ministerialbeamten Franz Exner oder den Philologen Franz Miklosich. In der Karte unten sind die Orte/Archive verzeichnet, an denen bisher Briefe von Thun ausfindig gemacht werden konnten (die orange markierten haben wir bereits bearbeitet). Die Verteilung der Briefe verdeutlicht auch die europaweite Vernetzung Thuns. Als ein interessanter Fundus hat sich zudem der Nachlass des Ministerialbeamten Joseph Feil herausgestellt, der in zahlreichen Fällen im Auftrag von Thun an ihm bekannte Personen geschrieben hat.
Als Stipendiat des Österreichischen Historischen Instituts in Rom hat Christof zudem die Wahrnehmung der Reformen und der Person Thuns von Seiten der Kirche untersucht. Dazu hat er insbesondere die Akten der Wiener Nuntiatur im Vatikanischen Archiv eingesehen.Besuchte Archive

Eine weitere wichtige Aufgabe im ersten Jahr des Projekts waren die grundlegenden Entscheidungen für die Bearbeitung der Briefe für die spätere Edition. Da wir zwei unterschiedliche Versionen der Edition planen – eine gedruckte Auswahledition und eine digitale Volledition im Internet – ist eine medienneutrale Bearbeitung und Speicherung der Texte notwendig. Daher haben wir uns für eine Bearbeitung der Briefe nach den Vorgaben des TEI-Konsortiums entschieden. Da TEI mittlerweile zu einem Standard zur digitalen Erfassung von Texten aus dem Bereich der Geisteswissenschaften geworden ist, kann mit dieser Entscheidung auch eine gewisse Langzeitsicherung der Daten sichergestellt werden. Zur Erfassung und Auszeichnung der Briefe verwenden wir den XML-Editor oXygen. Die transkribierten Dokumente werden im XML-Format in einem Versionierungssystem auf einem Server abgelegt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Alle Beteiligten können gleichzeitig auf die Dokumente zugreifen und wir verfügen über alle gesicherten Versionen der Dokumente. Mittlerweile haben wir bereits auch erste Erfahrungen mit der Arbeit in XML gesammelt.

Im folgenden Jahr soll vor allem die Transkription der Briefe abgeschlossen und parallel dazu die Bearbeitung der Briefe mit XML weitergeführt werden.
Ende September wird Tanja unser Projekt, bzw. einige Aspekte desselben bei einer internationalen Tagung an der Karls-Universität in Prag vorstellen. Zumal Leo Thun stark durch diese Stadt geprägt worden ist und viele Prager Gelehrte an den Reformen beteiligt waren, ist dies eine schöne Gelegenheit (nicht nur) tschechischen KollegInnen unser Projekt vorstellen zu können.